Was?

"Die Linke machte einmal den Fehler anzunehmen, daß sie ein Monopol auf Antikapitalismus hätte; oder umgekehrt: daß alle Formen des Antikapitalismus zumindest potentiell fortschrittlich seien. Dieser Fehler war verhängnisvoll – nicht zuletzt für die Linke selbst.” Moishe Postone, 1974

"Neofaschistische Strömungen in aller Welt gehen... mit dem antisemitischen islamistischen „Widerstandskampf“ konform, obwohl sie gleichzeitig rassistische Stimmungen gegen Migranten aus den islamischen Ländern schüren. Auch große Teile der globalen Linken begannen umstandslos die Glorifizierung des alten „Antiimperialismus“ auf die islamistischen Bewegungen und Regimes zu übertragen. Das kann nur als ideologische Verwahrlosung gekennzeichnet werden, denn der Islamismus steht gegen alles, wofür die Linke jemals eingetreten ist; er verfolgt jedes marxistische Denken mit gnadenloser Unterdrückung und Folter, er stellt Homosexualität unter Todesstrafe und behandelt die Frauen als Menschen zweiter Klasse." Robert Kurz, "Der Krieg gegen die Juden" 2009

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Samstag, 12. November 2011

Die Solidarisierer

Keine Be­rüh­rungs­ängs­te mit einem fal­len­den des­po­ti­schen Re­gime und des­sen ge­fal­le­nen an­ti­se­mi­ti­schen Füh­rer kennt das „An­ti­kriegs­bünd­nis Nürn­berg“, sowie die an­de­ren K-​Grup­pen der bay­ri­schen Stadt. Mit dem Krieg in Li­by­en und der mi­li­tä­ri­schen In­ter­ven­ti­on der NATO hat­ten diese deut­schen Frie­dens­freun­den einen An­lass ge­fun­den, Flug­blät­ter zu ver­fas­sen und Er­klä­run­gen zu ver­öf­fent­li­chen. Man un­ter­stütz­te die Er­klä­rung der „Bun­des­wei­te Ko­or­di­na­ti­on der Frie­dens­in­itia­ti­ven – Stoppt die NA­TO-​Krie­ge“, die zur „So­li­da­ri­tät mit dem li­by­schen an­ti­ko­lo­nia­len Wi­der­stand“ auf­rief und die Dik­ta­tur als „Ge­gen­mo­dell zum west­li­chen Raub­tier­ka­pi­ta­lis­mus“ pries.
Der Tod des Des­po­ten Gad­da­fi wird nun mit einer ei­ge­nen aus­führ­li­chen Er­klä­rung, be­trau­ert, die auch von der Orts­grup­pe der Deut­schen Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei (DKP) und ihrem Wurm­fort­satz, der So­zia­lis­ti­schen Deut­schen Ar­bei­ter­ju­gend (SDAJ) un­ter­zeich­net wurde. In der Er­klä­rung wird der Des­pot als „Re­vo­lu­ti­ons­füh­rer“ glo­ri­fi­ziert, der von „sei­nen Fein­den im Wes­ten ge­fürch­tet, ge­hasst und auf das übels­te ver­un­glimpft“ wor­den wäre. „Unter sei­ner Füh­rung“ sei ein wah­res so­zia­lis­ti­sches Zu­cker­bä­cker­land ent­stan­den, das durch die „Un­ter­stüt­zung na­tio­na­ler und an­ti­im­pe­ria­lis­ti­scher Be­frei­ungs­be­we­gun­gen“ einen „Bei­trag zur Be­frei­ung vie­ler Völ­ker“ ge­leis­tet hätte.
Gad­da­fi un­ter­stütz­te tat­säch­lich Grup­pie­run­gen, die sich als „na­tio­na­le“ oder „an­ti­im­pe­ria­lis­ti­sche Be­frei­ungs­be­we­gun­gen“ ver­stan­den. Das an­ti­west­li­che Res­sen­ti­ments und der of­fen­si­ve Na­tio­na­lis­mus brach­ten ihn auch mit völ­ki­schen Grup­pie­run­gen zu­sam­men, die er ide­ell und fi­nan­zi­ell un­ter­stütz­te. Spa­ni­sche Fa­schis­ten, iri­sche Na­tio­na­lis­ten und deut­sche So­zi­al­re­vo­lu­tio­nä­re, denen der Dik­ta­tur bei­spiels­wei­se 1983 ein aus­führ­li­ches In­ter­view in der Zeit­schrift „Wir selbst“ gab, pro­fi­tier­ten von die­sen Zu­wen­dun­gen. Doch die­ser Um­stand wird in den Er­klä­run­gen der deut­schen Frie­dens­freun­de eben­so ver­schwie­gen, wie der völ­ki­sche In­halt des „Grü­nen Bu­ches“ und der An­ti­se­mi­tis­mus des „Re­vo­lu­ti­ons­füh­rers“.
Das der Des­pot für die Ver­trei­bung der li­by­schen Jü­din­nen und Juden ver­ant­wort­lich war, spielt hier eben­so­we­nig eine Rolle, wie die bru­ta­le Un­ter­drü­ckung der Be­völ­ke­rung, die der Des­pot von „po­li­tisch Kran­ken“ be­frei­en woll­te. „Mit der Macht­über­nah­me Gad­da­fis er­leb­te die Ver­fol­gung und Dis­kri­mi­nie­rung li­by­scher Juden, die sich be­reits in den Jahr­zehn­ten zuvor, ins­be­son­de­re wäh­rend des Sechs-​Ta­ge-​Krie­ges und da­nach in Po­gro­men und will­kür­li­chen Ver­haf­tun­gen nie­der­ge­schla­gen hatte, ihren Hö­he­punkt. Gad­da­fi ord­ne­te an, dass jeg­li­cher jü­di­sche Be­sitz zu ent­eig­nen sei und alle Schul­den, die Nicht­ju­den bei Juden hät­ten, hin­fäl­lig seien. Ob­wohl Gad­da­fi ein Aus­rei­se­ver­bot ver­häng­te, ge­lang den al­ler­meis­ten li­by­schen Juden in den fol­gen­den Jah­ren die Flucht ins Aus­land. Seit dem 21. Jahr­hun­dert leben schließ­lich gar keine Juden mehr in Li­by­en“.
Doch diese Um­stän­de wer­den nicht be­nannt. Statt­des­sen wird der An­ti­se­mit als wah­rer Men­schen­freund sti­li­siert und in die Ah­nen­ga­le­rie ein­ge­mein­det: „Mu­am­mar Gad­da­fi wurde wie Che Gue­va­ra, Pa­tri­ce Lu­mum­ba, Mauri­ce Bi­shop, Steve Biko, Sal­va­dor Al­len­de und viele an­de­re Re­vo­lu­tio­nä­re im in­ter­na­tio­na­len Be­frei­ungs­kampf er­mor­det“. „Un­se­re So­li­da­ri­tät gilt dem tap­fe­ren, gegen Put­schis­ten und NATO kämp­fen­den, li­by­schen Volk“, heißt es am Ende der Er­klä­rung.
Viel­leicht wer­den sich die deut­schen Frie­dens­freun­de aus Nürn­berg auch mit dem „Alice“-​Mo­dell Va­nes­sa Hess­ler so­li­da­ri­sie­ren, die nun nicht mehr für „Alice“ wer­ben darf, weil sie in einem In­ter­view ihre „lei­den­schaft­li­che“ Lie­bes­be­zie­hung mit einem Gad­da­fi-​Sohn dar­ge­stellt hatte: „Das sind ganz nor­ma­le Men­schen“, sagte sie dort. Auf der Face­book-​Sei­tedes „An­ti­kriegs­bünd­nis Nürn­berg“ be­klagt sich das Links­par­tei-​Mit­glied Chris Sedl­mair be­reits jetzt: „Die Jagd auf Gad­da­fis Fa­mi­lie macht nicht mal vor den Bet­ten halt“. Es scheint also nur eine Frage der Zeit zu sein, bis die deut­schen Frie­dens­freun­de eine wei­te­re Er­klä­rung ver­öf­fent­li­chen, mit der sie ihre So­li­da­ri­tät für die ehe­ma­li­ge „Alice“-​Wer­bei­ko­ne er­klä­ren.

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